Theatralische Führung im Napoleonmuseum
Natürlich waren wir alle sehr gespannt auf den letzten Zeitzeugen der napoleonischen Ära, der uns gleich durch das Schloss Arenenberg führen würde. Und da war er auch schon! Der betagte Diener Charles Thélin empfing uns mit dem Gesang seiner Gebieterin, der Königin Hortense, und stellte befriedigt fest, dass wir alle die vorgeschriebenen Pantoufles trugen. Der muntere Leibdiener begann mit charmantestem Akzent aus dem Nähkästchen zu plaudern, betonte aber, dass «er werde nischt verraten trop de détails aus das Leben von seine Herrin Hortense». Der alte Knabe bemühte sich redlich, uns die verwirrlichen Verwandtschaftsverhältnisse der Napoleoniden näherzubringen. Es wurde uns klar, Napoleon I. war nie auf Arenenberg. Nach seiner Niederlage bei Waterloo wurde der grosse Kaiser der Franzosen auf St. Helena verbannt. Aber Hortense, geborene Beauharnais, musste ins Exil, via Genf nach Konstanz. Sie kaufte den Herrensitz Arenenberg und baute ihn zum Schloss aus. Ihr Bruder Eugène liess in der Nähe das Schloss Eugensberg errichten. Von ihrem Mann Louis, des Kaisers Bruder, hatte Hortense schon vorher getrennt gelebt. Und nun kommt Napoleon III. ins Spiel! «Oui-Oui», so habe man den Sohn der Königin Hortense genannt, lächelte Charles verschmitzt. Der Jüngling habe sich hier wohl gefühlt, Thurgauerdialekt gesprochen und sei vorab der jüngeren weiblichen Bevölkerung herzlich zugetan gewesen.
Im Verlauf des Ganges durch die geschichtsträchtigen Räume erfuhren wir von der wundersamen Wandlung des zum Thurgauer Ehrenbürger Gewordenen vom Lebemann zum französischen Staatspräsidenten und schliesslich zum Kaiser Napoleon III. Seine Mutter Hortense starb nach langem Leiden, wie Charles, noch immer ergriffen, anfügte, im Jahr 1837 auf Schloss Arenenberg. Ihre Nachfolgerin auf dem Schloss war Kaiserin Eugénie, die Witwe ihres Sohnes, dem späteren Kaiser Napoleon III.
Obwohl Charles noch unendlich viel mehr hätte erzählen können, entliess er uns nun mit freundlicher Empfehlung, nicht ohne zu erwähnen, «qu’il faut geben zurück das pantoufles à la sortie!» Die Führung ist buchbar und wärmstens zu empfehlen! Wenn Charles verhindert ist, übernimmt Hubi Zweifel seine Aufgabe – und er ist ihm zum Verwechseln ähnlich!
Ruedi Gentsch